16.06.2026

Wenn Tierärzte nicht weiter kommen - was Ernährungsberatung noch leisten kann

„Die Blutwerte sind soweit in Ordnung.“

„Wir haben eigentlich alles untersucht.“

„Medizinisch können wir im Moment nicht viel mehr machen.“

Wenn Hundehalter solche Sätze hören, ist das oft ein seltsamer Moment. Einerseits ist man erleichtert, dass keine neue schlimme Diagnose im Raum steht. Andererseits sitzt man zu Hause und denkt sich: Aber meinem Hund geht es doch trotzdem nicht gut.

Er frisst schlecht, verliert Gewicht, hat immer wieder Verdauungsprobleme, wirkt schlapp oder hat mehrere Erkrankungen gleichzeitig, die das Leben nicht gerade einfacher machen. Und irgendwann taucht dann die Frage auf:
Kann Ernährung hier überhaupt noch etwas bewirken?

Meine Antwort darauf lautet meistens: Ja! Oft sogar mehr, als viele denken.

Damit meine ich nicht die Versprechen, die man leider immer wieder im Internet liest. Ernährung kann keine chronische Erkrankung heilen. Sie ersetzt keine Diagnostik, keine Medikamente und keine tierärztliche Behandlung.

Aber sie kann den Körper dabei unterstützen, mit einer Erkrankung besser umzugehen. Und manchmal macht genau das einen erstaunlich großen Unterschied im Alltag.

Ein Beispiel sind Hunde, die trotz ausreichender Futtermenge immer dünner werden. Viele Halter denken dann zunächst, ihr Hund brauche einfach mehr Futter. Tatsächlich steckt aber manchmal etwas ganz anderes dahinter. Bei chronischen Darmerkrankungen kann die Aufnahme von Nährstoffen gestört sein- der Hund frisst zwar, aber sein Körper kann einen Teil der Nährstoffe nicht mehr optimal verwerten. In solchen Fällen geht es nicht nur darum, mehr zu füttern, sondern darum, die Ernährung so anzupassen, dass der Darm möglichst gut damit arbeiten kann.

Oder nehmen wir Hunde mit chronischen Entzündungen im Verdauungstrakt. Hier kann eine passende Ernährung dazu beitragen, den Darm zu entlasten, die Kotqualität zu stabilisieren und die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen sicherzustellen. Das bedeutet nicht, dass die Erkrankung verschwindet. Aber viele Hunde fühlen sich wohler, haben mehr Energie und zeigen deutlich weniger Beschwerden.

Ein anderes Beispiel sind Hunde mit Bauchspeicheldrüsenerkrankungen. Gerade bei chronischer Pankreatitis sehe ich häufig Hunde, die über längere Zeit immer wieder Probleme haben, weil ihr Futter zwar gut gemeint ist, aber nicht optimal zu ihrer Situation passt. Die richtige Fettmenge, eine angepasste Energiedichte und eine durchdachte Rationsgestaltung können hier oft viel dazu beitragen, dass der Hund stabiler wird und sein Gewicht besser halten kann.

Auch bei Nieren- oder Lebererkrankungen kann Ernährung eine wichtige Rolle spielen. Nicht, weil sie die Erkrankung verschwinden lässt, sondern weil sie helfen kann, den Stoffwechsel zu entlasten, Muskelabbau entgegenzuwirken und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.

Besonders spannend finde ich aber die Fälle, bei denen mehrere Erkrankungen zusammenkommen.

Der Hund mit chronischer Darmentzündung und Niereninsuffizienz.

Der Senior mit Arthrose, Gewichtsverlust und erhöhten Leberwerten.

Der Hund mit Pankreatitis, der gleichzeitig nur noch sehr eingeschränkt frisst.

Genau hier wird Ernährung oft zu einem echten Balanceakt. Denn was für die eine Erkrankung sinnvoll ist, passt nicht automatisch zur anderen. Deshalb gibt es bei solchen Patienten selten einfache Antworten oder Standardlösungen.

Und genau deshalb liebe ich diese Fälle.

Nicht, weil sie einfach sind, sondern weil man genauer hinschauen muss. Weil es darum geht, Zusammenhänge zu erkennen und Prioritäten zu setzen. Weil jeder Hund seine eigene Geschichte mitbringt.

Bevor ich überhaupt einen Plan erstelle, schaue ich mir deshalb die gesamte Krankengeschichte an. Über einen ausführlichen Anamnesebogen bekomme ich einen ersten Überblick über Diagnosen, Befunde, Medikamente und bisherige Fütterungsversuche. Anschließend sprechen wir in Ruhe über euren Alltag, eure Herausforderungen und eure Ziele.

Denn häufig zeigt sich schon hier etwas, das ich in vielen Beratungen erlebe:

Es wurde unglaublich viel ausprobiert. Noch eine Futtersorte. Noch ein Zusatz. Noch eine Empfehlung aus dem Internet.
Und irgendwann weiß niemand mehr so richtig, was eigentlich geholfen hat und was nicht.

Deshalb besteht mein erster Schritt oft gar nicht darin, möglichst viel zu verändern. Häufig geht es zunächst darum, wieder Ruhe hineinzubringen. Eine klare, übersichtliche und bedarfsgerechte Fütterung aufzubauen. Weg von ständig neuen Experimenten und hin zu einer stabilen Basis.

Je nach Hund kann das ein individueller Kochplan sein, eine Fütterung mit Reinfleischdosen oder eine gezielte Anpassung der bisherigen Ration. Nicht kompliziert um der Komplexität willen, sondern sinnvoll und nachvollziehbar.

Besonders wichtig ist mir dabei die Zusammenarbeit mit dem behandelnden Tierarzt. Die besten Ergebnisse entstehen aus meiner Erfahrung dann, wenn Diagnostik, Therapie und Ernährung Hand in Hand arbeiten. Der Tierarzt kümmert sich um die medizinische Seite, ich unterstütze dabei, die Erkenntnisse aus Befunden und Laborwerten in eine passende Fütterungsstrategie für den Alltag zu übersetzen.

Denn manchmal braucht es kein neues Medikament und auch kein Wunderfutter.

Manchmal braucht es einfach einen Plan, der den Hund als Ganzes betrachtet.

Und jemanden, der die vielen kleinen Puzzleteile zusammensetzt.

Admin - 20:50 | Kommentar hinzufügen